„Aber Julia, meine innere Kritikerin ist echt fies. Warum soll ich denn nicht mit ihr kämpfen?“ Das fragte mich neulich eine Teilnehmerin in einem online Workshop. Oh ja, ich kenne den Wunsch danach, meiner innerer Kritikerin ein k.o. Stoß zu versetzen. Oder sie zumindestens „schachmatt“ zu setzen. Leider ist das nicht so effektiv und raubt ganz schön viel Energie. Oder wie erfolgreich warst du damit in der Vergangenheit?

In meinen Coachings ist fast immer an einem Punkt „der innere Kritiker“ Thema. Diese fiese innere Stimme, die über dich urteilt und dir sagt, dass du nicht gut genug bist. Die dich an dir selbst zweifeln lässt.

„Für diese Position bist du noch nicht bereit. Da brauchst du noch xyz.“

  • „Das sieht scheiße aus!“
  • „Der Fehler hätte dir nicht passieren dürfen! Idiotin!“
  • „Du bist nicht genug für deine Kinder da. Du bist eine schlechte Mutter!“
  • „Bevor du ausruhst, solltest du noch x und y tun!

Kommt dir so oder ähnlich bekannt vor? Das zu mindestens Beruhigende ist, dass wir sie alle in irgendeiner Form kennen, diese Stimme.

Um zu verstehen, warum kämpfen hier nicht angebracht ist, müssen wir uns diese Stimme etwas genauer ansehen.

Was bewirkt die innere Kritikerin?

Zu was führt es in der Regel, wenn du diese Stimme hörst?

Vor allem: du fühlst dich schlecht. Diese Stimme ist fies, zieht runter und gibt dir genau das gegenteilige Gefühl von dem, was du eigentlich haben möchtest. Gut fühlst du dich nicht, wenn sie sich meldet. Und dann ist da ja noch ihre fiese Art. Sie kommt ja nicht freundlich um die Ecke. Nein, sie urteilt und verurteilt dich. Sie ist gemein und grob – und meistens auch noch völlig irrational.

Du wertest dich ab. Du sagst dir selber, dass du nicht gut genug bist. Du nimmst dir selber Wert.

Sie hält dich in der Komfortzone. Du wagst das Neue nicht. Du tust nicht das, was du eigentlich gerne tun würdest, denn dafür verurteilt sie dich. Und wenn du es doch tust, zahlst du einen hohen Preis mit ständigem schlechten Gewissen.

innerer Kritiker aufhalten

Und langfristig hat sie leider noch stärkere Auswirkungen. Es kann zu permanenter Selbstabwertung kommen. Einem ständigen und echt anstrengenden Kampf, beweisen zu wollen, dass es doch geht. Einer starken Anpassung an die Vorstellungen der Umwelt. Zum „people-pleasing“.

Was möchte die innere Kritikerin eigentlich?

Dich beschützen. Dich vor drohender Gefahr warnen.

„Was? Also bitte! Diese fiese Stimme – mich beschützen?“ So stelle ich mir deine Reaktion gerade vor. Und trotzdem ja, das möchte sie. Nur leider versteht sie unter beschützen was ganz anderes als du. Eure Motive sind nämlich – wahrscheinlich – grundlegend verschieden.

Die innere Kritikerin ist ein Ausdruck deines Sicherheitsbedürfnisses. Und nicht nur physische Sicherheit. Nein. Vor allem emotionale und soziale Sicherheit. Sie möchte dich davor beschützen, nicht dazu zu gehören. Nicht gesehen zu werden. Nicht zufrieden zu sein. Nicht ausgeschlossen zu werden. Nicht blöd dar zu stehen. Leider kommt sich nicht so um die Ecke: „Hey, ich bin dein Sicherheitsbedürfnis. Bitte überlege doch noch mal, ob du das wirklich tun musst.“ Habe ich jedenfalls noch nie gehört. Bei mir nicht und bei den vielen Frauen, die mir von ihrem inneren Kritiker erzählt haben.

Das Problem ist, hörst du auf sie, zahlst du einen hohen Preis. Denn die innere Kritikerin hat kein Interesse an Freude, Erfüllung, persönlicher Entwicklung oder gar Selbstverwirklichung. Alles böse Dinge. Alles potenzielle Gefahren. Und sind das nicht die Dinge, die du dir eigentlich wünschst?

Was passiert, wenn du mit der inneren Kritikerin kämpfst?

inner kritiker knock out

Leider hat deine Gegnerin in diesem Fall echt gute Kampftechniken. Eine Eigenschaft von ihr ist beispielsweise der „one-two Punch“. Ein Begriff, den ich aus meiner Weiterbildung mit Tara Mohr gelernt habe und großartig finde. Deine innere Kritikerin hat nämlich einen rechten und einen linken Haken. 

Erst sagt sie dir fiese Dinge und urteilt über dich. Und dann kommt sie von der anderen Seite und wirft dir auch noch vor, dass du dich schlecht fühlst und dich „so anstellst“.  

Und dann ist das kämpfen mit ihr echt aussichtlos. Es ist wie eine Dauerschleife. Hast du ein Argument, dass es funktionieren wird oder nicht so schlimm ist, kommt sie mit dem nächsten Gegenargument und so weiter. Endlos.

Und weißt du wieso? Das was sie hören muss, um beruhigt zu sein und die Klappe zu halten, kannst du ihr in den allermeisten Fällen nicht sagen. Nämlich „Es wird gut werden.“ „Das wird ein Erfolg.“ „Niemand wird dich kritisieren!“ „Das wird allen gefallen!“ Du weißt, dass das nicht wahr ist. In den meisten Fällen können wir das nicht wissen. Und die Reaktionen anderer vorhersehen schon gar nicht. Und versucht es damit als Argument, weiß deine innere Kritikerin, dass das nicht wahr ist.

Also – der Kampf mit ihr ist aufreibend und aussichtlos!

Was tun wir dann mit ihr?

Es ist an der Zeit, ein neues Verhältnis zu ihr aufzubauen. In meinen Coachings und Workshops arbeiten wir mit und an ihr. Mit tollen Erfolgen. Sie ist da – ob wir wollen oder nicht.

Also ist es an der Zeit:

  • Sie, ihre Persönlichkeit und ihre Motive kennen zu lernen. Sie zu Personifizieren und ihr einen Namen zu geben.
  • Zu verstehen, in welchen Formen und wann sie auftaucht.
  • Dir bewusst darüber zu sein, dass sie nur eine Stimme in dir ist und du noch viele andere hast, die hilfreicher sind.
  • Zu erarbeiten, welche Werte und Ressourcen dich statt ihr leiten können.
  • Sie liebevoll „aus der Szene“ zu entfernen. Gib ihr mal frei. Lass sie mal Urlaub machen oder in deiner Handtasche verschwinden.
  • Zu erkennen, was es heißt, eine Sache anzugehen, wenn du ihre Stimme gerade nicht hörst.

Wir müssen lernen, uns zu trauen. Etwas zu tun, auch wenn wir den Ausgang nicht kennen. Loszulegen, bevor wir „perfekt“ gerüstet sind. „Kugelsicher“ bzw. „kritiksicher“ gibt es in den meisten Fällen nicht.

Stecke die Energie, die du aufwendest mit deiner inneren Kritikerin zu kämpfen, lieber in die darein, Deinen Weg zu gehen und Deine Ziele zu verwirklichen!

Dein Transfer

  • Was sagt deine innere Kritikerin zu dir?
  • In welchen Situationen hörst du sie besonders laut?
  • Was für eine Person ist sie? Wie heißt sie? Welche Eigenschaften hat sie?
  • Wie „kämpfst“ du mit ihr?
  • Was kannst du tun statt mit ihr zu kämpfen? Was kann dich leiten?
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